Doch das vermeintliche Opfer steigt immer wieder bereitwillig in die kalten Fluten, um sich von seinen Kameraden auf verschiedenste Arten retten zu lassen. Nachdem rasch Löcher ins Eis geschlagen wurden, steigt Oberbrandmeister Georg Janser aufs Eis. Gesichert durch ein Seil und in einen orangenen Überlebensanzug gehüllt - bekannt von Ölarbeitern auf Bohrinseln - robbt der Feuerwehrmann vorsichtig auf die Einbruchsstelle zu.
Angst habe er keine, aber Respekt vor der Situation schon, meint Janser, nachdem er seinen Kollegen mit dem Spineboard - einem Gerät ähnlich dem Rettungsbrett eines Rettungsschwimmers - wieder sicher ans Ufer gebracht hat. Seitdem Georg Janser vor 20 Jahren der Würzburger Berufsfeuerwehr beigetreten ist, habe er noch keine „Live-Eisrettung“ durchführen müssen, denn in Würzburg und Umgebung gibt es nur sehr wenige Wasserflächen. Dennoch werden die Rettungsverfahren immer wieder geübt, im Sommer Wasserrettung im Main und im Winter die speziellen Eisrettungsverfahren.
So sollen in den kommenden Tagen alle Einsatzzüge der Berufsfeuerwehr beübt werden. Als nächstes steht die Rettung mit zwei Steckleitern auf dem Programm. Auf beiden Leitern kniend nähert sich ein Feuerwehrmann langsam dem Eisloch. Dadurch verteilt sich das Gewicht besser und der Druck auf das Eis wird geringer. Allerdings kostet es auch einige Zeit, um die Einbruchstelle zu erreichen. Je nach Situation kommen verschiedene Methoden zum Einsatz. Ist eine Drehleiter vor Ort, wird die gut 30 Meter lange Leiter ausgefahren und das jeweilige Opfer kann schnell geborgen werden.
Auch das Flach- und Hochwasserboot der Berufsfeuerwehr kommt zum Einsatz. Da es Räder am Rumpf besitzt, kann das leichte Alu-Boot problemlos über das Eis geschoben werden. Und so ziehen die Feuerwehrleute „Opfer“ Hilmar Schömig ein ums andere Mal aus dem eisigen Wasser: Währenddessen macht sich am Ufer Feuerwehrtaucher Volker Johannes bereit. Seine Aufgabe ist es, eingebrochene Personen, die bereits im Wasser versunken sind, zu retten. So wird bei jedem Eisrettungseinsatz auch immer die Tauchgruppe der Berufsfeuerwehr alarmiert.
Doch auch die anderen Feuerwehrkameraden müssen die verschiedenen Eisrettungsverfahren beherrschen: „Wenn es die Witterungsverhältnisse zulassen, üben wir die Eisrettung jedes Jahr unter möglichst realen Bedingungen“, erklärt Helmut Sattler, Zugführer im Einsatzdienst bei der Berufsfeuerwehr. Und die Bedingungen am Nebenarm des Mains in der Nähe der Naturheilinsel sind hierfür nahezu ideal: Dank Kälte-Hoch Cooper beträgt die Eisdecke rund 15 Zentimeter. Auch Harald Rehmann überzeugt sich von der Leistungsfähigkeit seiner Männer: „Bei der Eisrettung kommt es auf jede Sekunde an, und jeder Handgriff muss sitzen“, sagt der Chef der Berufsfeuerwehr Würzburg. „Nach einer Viertelstunde sinken die Überlebenschancen eines Eingebrochenen rapide“, so der Brandoberrat weiter, „daher ist es besonders wichtig, dass die Verfahren eingespielt sind und jeder weiß, was er zu tun hat.“
Plötzlich piepst es überall und aus der Übung wird Realität: Brandalarm im Botanischen Garten. Doch schon nach wenigen Minuten gibt es Entwarnung: Fehlalarm. So können sich die Feuerwehrleute nach einer gelungenen Übung noch eine schnelle Tasse heißen Tees gönnen, bevor es zum nächsten Einsatz geht. Und auch Hilmar Schömig - wieder in trockener Kleidung - freut sich über eine Tasse des dampfenden Gebräus, bei minus 15 Grad auf der Naturheilinsel.