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Gedenken an Pogrom-Nacht 1938: Sorgenvoller Blick auf aktuelle Entwicklungen

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Deutschland Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert. Es brannten Synagogen und Gebetshäuser. Unzählige Menschen wurden allein aufgrund ihrer Religion bedroht, gedemütigt, misshandelt, ermordet oder in den Suizid getrieben. Auch in Würzburg forderte diese Eskalation brutaler Gewalt drei Menschenleben. Drei jüdische Menschenleben. Am Ort der ehemaligen Synagoge in der Domerschulstraße fand 83 Jahre danach die Gedenkveranstaltung der Kultusgemeinde zusammen mit der Stadt Würzburg statt. 

Dr. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Vorsitzende der Gemeinde, war in seiner Rede in diesem Jahr schnell in der Gegenwart angelangt, er formulierte eine klare Botschaft an das Lager der sogenannten Querdenker und Corona-Leugner. Wer sich heute mit der Botschaft „ungeimpft“ symbolisch auf den gelben Stern, den Holocaust-Opfer tragen mussten, beziehe, der verharmlose das Ermorden von Millionen Menschen. Auch der Vergleich mit Schoa-Opfer Anne Frank sei laut Schuster skrupellos: „Die Jüdinnen und Juden hätten gejubelt, wenn sie damals lediglich die Pandemie-Beschränkungen hätten erdulden müssen.“

Bürgermeister Martin Heilig blickte ebenfalls nicht nur zurück auf die Verbrechen in der NS-Zeit: „Die Zahl der polizeilich erfassten Straftaten mit antisemitischem Hintergrund erreichte im vergangenen Jahr mit 2428 einen neuen Höhepunkt, wobei die Dunkelziffer hoch ist. Und immer öfter bleibt es nicht bei Worten, 2020 gab es 57 Gewalttaten gegen Juden und jüdische Einrichtungen.“ Schuster und Heilig forderten einen gesellschaftlichen Klimawandel, weil der Staat alleine den Antisemitismus nicht wirksam bekämpfen könne. „Niemand darf schweigend und tatenlos zusehen, wenn Angehörige von Minderheiten diskriminiert, ausgegrenzt, beleidigt, bedroht und angegriffen werden“, so Heilig.

Vizeregierungspräsident Jochen Lange unterstrich dies und betonte neben der geforderten Zivilcourage noch einen weiteren Aspekt: „Alle Anstrengungen und Initia-tiven, die jüdisches Leben sichtbar machen, sind zu unterstützen.“ Er verwies insbesondere auf neue Infoformate im Jubiläumsjahr „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“, die schlicht neugierig auf das heutige Judentum machten. In der Öffentlichkeit müsse auch Raum für Gedenkorte sein. Lange lobte in diesem Zusammenhang den mehrfach ausgezeichneten „Gedenkort Deportationen“ am Würzburger Hauptbahnhof, der bekanntlich Ableger in vielen weiteren ehemaligen Kultus-gemeinden in Unterfranken hat. 

Rabbiner Jakov Ebert trug bei der Gedenkstunde einen Psalm vor, Matthias Ernst, auch bekannt als Mr. Clarino, sorgte mit einer eigenen Komposition und einem Stück von Django Reinhardt für den musikalischen Rahmen.

Pogrom-Gedenken2021-1
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Wo früher die Würzburger Hauptsynagoge stand: Bürgermeisterin Judith Jörg, Bürgermeister Martin Heilig, Regierungsvizepräsident Jochen Lange und Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Gedenkveranstaltung anlässlich der Pogromnacht vor 83 Jahren. Bild: Georg Wagenbrenner

Pogrom-Gedenken2021-2
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(10.11.2021)

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