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Stadtarchiv: Vom analogen zum digitalen historischen Gedächtnis der Stadt

Was Flusspferde in Würzburger Ratsprotokollen zu suchen haben

Digitalisierung Stadtarchiv
Digitalisierung Stadtarchiv
Die Digitalisierung im Stadtarchiv schreitet voran. Foto (c) : Stadtarchiv Würzburg/R. Busse
„Alle im Stadtbezirk Würzburg geschlachteten Bären aller Art, Hunde, Katzen, Füchse, Dächse, Iltisse, Igel und Flusspferde müssen, bevor sie zerlegt und zum Genusse für Menschen zubereitet oder feilgehalten oder verkauft werden, auf Trichinen untersucht werden.“ Diese Vorschriften zur Untersuchung von – selbst in der Weimarer Republik – sehr speziellem Schlachtvieh auf gefährliche Fadenwürmer fasste der Würzburger Stadtrat im Jahr 1930. Die Niederschrift der Sitzung, auf der dieser Beschluss gefasst wurde, befindet sich in einem von 163 Ratsprotokoll-Bänden aus den Jahren 1860 bis 1944, die das Stadtarchiv aktuell und in den nächsten Monaten von einem externen Dienstleister digitalisieren lässt.

Das Gleiche geschieht mit den ca. 85.600 Würzburger Leichenschauscheinen der Jahre 1826 bis 1913. Gefördert wird dieses Digitalisierungsprojekt, dessen Kosten auf insgesamt rund 63.000 Euro geschätzt werden, durch Bundesmittel der Digitalisierungsoffensive „WissensWandel“ für Bibliotheken und Archive innerhalb des Programms „Neustart Kultur“.

Ratsprotokolle und Leichenschauscheine

Ausgewählt wurden die beiden Bestände unter folgenden Gesichtspunkten: Bei den Ratsprotokollen handelt es sich um die zentrale Überlieferung der politischen Gremien der Stadt, die wichtige Entscheidungswege und Weichenstellungen nachzeichnen – und dies in einer Zeit vielfältiger Umbrüche: vom souveränen Königreich Bayern innerhalb des Deutschen Bundes, über die Einigungskriege und die Integration Bayerns in das entstehende Deutsche Reich hin zu den Gründerjahren und dem Fin de Siècle und dann weiter über den Ersten Weltkrieg, die krisengeschüttelte Weimarer Republik und den NS-Unrechtsstaat bis hinein in die Endphase des Zweiten Weltkriegs. Diese Protokolle sind umso bedeutsamer und wichtiger, als viele andere Unterlagen der Stadtverwaltung aus dieser Zeit am 16. März 1945 untergingen.

Die Leichenschauscheine, die von dem Arzt ausgefertigt wurden, der den Tod festgestellt hatte, ergänzen nicht nur den durch Kriegsverluste lückenhaften Bestand der Sterberegister der Jahre 1876 bis 1913, sondern ermöglichen Personenforschung anhand originär kommunaler Unterlagen bereits 50 Jahre vor dem Einsetzen der Personenstandsunterlagen. Darüber hinaus enthalten die Leichenschauscheine Informationen, die über die Angaben in Sterbeurkunden und kirchlichen Sterberegistern hinausgehen, wie z.B. Todesursache, Dauer von Krankheiten, Bestattungsdatum, Wohnort und Wohnungsgröße, und stellen daher für die (lokale) Sozialgeschichtsforschung einen noch weitgehend ungehobenen Schatz dar.

Nach Abschluss der Digitalisierung werden diese wichtigen Quellen den Benutzerinnen und Benutzern an Bildschirmen im Lesesaal auf komfortable Weise und ohne Wartezeit zur Verfügung stehen. Zugleich werden die bereits angegriffenen Originale in Zukunft geschont, weil sie normalerweise nicht mehr vorgelegt werden müssen. Die letzten drei Ratsprotokoll-Bände (1936-1944) wurden – da im Original schreibmaschinenschriftlich abgefasst – überdies mittels OCR-Technik gescannt und sind somit besonders komfortabel recherchier- und durchsuchbar. Mittelfristig ist geplant, die Digitalisate der interessierten Öffentlichkeit auch über das Internet zugänglich zu machen. Und so wird es dann möglich sein, dass überall auf der Welt Menschen Zugriff auf diese Quellen haben und sich so aus erster Hand ein Bild von den Ereignissen der genannten Jahre machen können – auch dort, wo Flusspferde ein alltäglicherer Anblick sind als im Würzburg des Jahres 1930.

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(18.11.2021)

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