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"Wir haben es doch erlebt - Das Ghetto von Riga“

Die Stadt Würzburg, die Israelitische Gemeinde, Shalom Europa, das Johanna-Stahl-Zentrum, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken haben die Filmvorführung in Würzburg in Shalom Europa ermöglicht.

„Man glaubt es bis zum Ende nicht.“ Selbst dann nicht, wenn man mit eigenen Augen sieht, wie 27.000 nackte Männer, Frauen, Kinder in einer Grube gepfercht von 12 Männern innerhalb von zwei Tagen kaltblütig erschossen werden. Marger Vestermanis, 1925 in Riga geboren, mit 16 Jahren mit seiner deutschsprachigen, jüdischen Familie ins Rigaer Ghetto verschleppt, überlebte das KZ Kaiserwald, scheint aber bis heute nicht glauben zu können, welcher Hölle er selbst als einziger seiner Familie entgangen ist. Er ist einer der Zeitzeugen, die im Film „Wir haben es doch erlebt – Das Ghetto von Riga“ über die Gräueltaten in Riga sprechen. Bundesweit wird der Film bis 10. Dezember unter der Schirmherrschaft von Bundesminister a.D. Wolfgang Tiefensee an 35 Veranstaltungsorten gezeigt, in Würzburg war Regisseur Jürgen Hobrecht am Mittwochabend zur Filmvorführung in Shalom Europa.

Die Stadt Würzburg, die Israelitische Gemeinde, Shalom Europa, das Johanna-Stahl-Zentrum, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken haben die Filmvorführung in Würzburg in Shalom Europa ermöglicht. Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake wies in ihrem Grußwort die Filmbesucher auf die Schicksale der Würzburger Juden hin, die zunächst in den ehemaligen Gutshof Jungfernhof in der Nähe von Riga deportiert wurden. Sie starben an Kälte, Hunger und Krankheiten im Winter 41 oder wurden erschossen. Die Menschen, die im Lager übrig blieben, kamen in das Ghetto von Riga. Die Bürgermeisterin betonte: „Als Mitglied des deutschen Riga-Komitees ist es der Stadt Würzburg ein Anliegen, die Deportation Würzburger Juden nach Riga nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Es ist eine ungemein wichtige, bemerkenswerte Dokumentation, die Herr Hobrecht uns vorführen und über die er sprechen wird. Weil er schon in den Anfangsjahren der deutschen Erinnerungskultur in Lettland begonnen hat, mit Zeitzeugen zu sprechen und ihre Berichte filmisch festzuhalten. Diesen Fundus an Zeitzeugeninterviews hat er nun erweitert.“

 

Das Massaker von Rumbula

Hobrechts Film nimmt langsam an Fahrt auf – aber mit jedem Zeitzeugen, mit jeder alten Filmaufnahme wird das Ausmaß der Unmenschlichkeit deutlicher. Von November 1941 bis Oktober 1942 in 25 Zügen aus 14 deutschen Städten verschleppt, wurden 20.000 deutsche jüdische Menschen nach Riga „umgesiedelt“, nachdem sie ihre Pässe, ihre Koffer und ihre wenigen Habseligkeiten abgeben hatten. Aus Deutschland, Österreich, Tschechien werden Juden nach Riga gebracht. Für die Juden aus Deutschland müssen die lettischen Juden Platz machen, die bislang im Ghetto von Riga lebten: An zwei Tagen, am 30.11. und am 8.12.1941 werden 27.000 Menschen im Wald von Rumbula umgebracht, 1.000 von ihnen deutsche, die anderen lettische Juden aus dem Rigaer Ghetto. Bald wird die Arbeitskraft der nun in Riga internierten deutschen Juden erkannt und so leisten 12.500 Menschen in 200 Arbeitsstellen in Wehrmachtsbetrieben Zwangsarbeit bis zur Befreiung durch die Rote Armee. Während die wenigen überlebenden deutschen Juden, unter ihnen die Würzburger Fred Zeilberger und Herbert Mai, nach Israel, in die USA oder wieder nach Deutschland zurückkehrten, hörte es für die lettischen Juden nicht auf. Sie wurden kriminalisiert und erneut deportiert – als „deutsche Spione“ nach Sibirien. Zeitzeuge Bernhard Press lebte 25 weitere Jahre im Arbeitslager in Sibirien und verlor für weitere fünf Jahre seine Bürgerrechte. Weil er den Holocaust als lettischer Jude überlebt hatte.

Bis vor wenigen Jahren war auch das Massaker von Rumbula für die lettische Geschichte kaum existent. Erst im Jahr 2001 errichtete das „Deutsche-Riga-Komitee“ eine Gedenkstätte im Wald von Bikernieki, wo zwischen 1941 und 1944 über 40.000 Menschen erschossen worden waren, lettische, deutsche, österreichische und tschechische Juden, politische Häftlinge und Nazi-Gegner. Das Deutsche Riga-Komitee wurde am 23. Mai 2000 von Repräsentanten von 13 deutschen Großstädten und dem Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gegründet, Würzburg ist Mitglied des Komitees. „Hier ist etwas Neues entstanden“, erklärte Jürgen Hobrecht in der Diskussion nach dem Film, „und die Aufarbeitung muss weitergehen.“ Jürgen Hobrecht hat über viele Jahre hinweg die Spuren der mit dem Namen „Riga“ verbundenen Verbrechen und die mit ihnen verbundenen Schicksale recherchiert. Bereits 1991 ist er mit zwei Überlebenden des Ghettos nach Riga gereist und erlebte, „wie aus zwei Menschen, die ihr Leben gemeistert haben, innerhalb weniger Stunden wieder Ghetto-Insassen wurden. Die Reise war für sie eine komplette Retraumatisierung.“

Die DVD kann erworben werden bei der Phoenix Medienakademie unter www.phoenix-medienakademie.com/Riga.

Penning-Lother
v.l. Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake, Landtagsabgeordneter Georg Rosenthal, Regisseur Jürgen Hobrecht und Moderatorin Rosa Grimm (Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit) sprechen nach der Filmvorführung per Skype mit den beiden Zeitzeugen und Holocaust-Überlebenden Fred Zeilberger und Herbert Mai (gerade nicht im Bild).


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