Historische Entwicklung des Stadtteils Heuchelhof

Ausgangssituation
Durch die wirtschaftliche Blütezeit und den zunehmenden Wohlstand in den 60er Jahren stiegen die Bevölkerungszahlen seit dem Zweiten Weltkrieg wieder an und in Würzburg wurde vermehrt Wohnraum nachgefragt. Durch die beengte Lage im Maintal beschloss der Würzburger Stadtrat, auf dem im Süden der Stadt gelegenen Hochplateau eine Siedlungserweiterung für 20.000 Menschen zu planen. In diesem Zuge erwarb die Stadt im Jahr 1961 die 220 ha umfassenden Ländereien des Guts Heuchelhof von Baron Otto Philipp Groß zu Trockau. Weitere Flächen erhielt die Stadt Würzburg durch die Eingemeindung Rottenbauers 1974.
Aus einem ersten, 1964 ausgelobten städtebaulichen Ideenwettbewerb ging der Entwurf des Nürnberger Architekturbüros Prof. Gerhard Dittrich als Sieger hervor, der in Anlehnung an die Charta von Athen eine Stadt der Moderne vor den Toren Würzburgs vorsah. Der hochverdichtete Kernbereich mit bis zu zwölfgeschossigen Wohnhochhäusern war umgeben von einer in den Grünbereich eingebetteten flachen Einfamilien- und Bungalowbebauung. Trotz der hohen Verdichtung im Zentrum hält der H1 große Grünflächenanteile vor. Durch die zusätzliche Staffelung der Geschossigkeit und die Ausrichtung der einzelnen Baukörper wird eine sehr gute Beleuchtung und Belüftung der Wohnkomplexe erreicht.
Der in den 70er Jahren realisierte erste Bauabschnitt H1 wurde vom Bundesministerium für Städtebau und Wohnungswesen als Demonstrativmaßnahme gefördert. Mit der Projektumsetzung wurde die 1966 gegründete Heuchelhofgesellschaft als Management- und Bauträgergesellschaft betraut.

Weitere Bauabschnitte
Trotz einer in den 70er Jahren einsetzenden Rezession lobte die Stadt Würzburg 1975 einen zweiten städtebaulichen Ideenwettbewerb für die Bebauung der südlich Flächen des Heuchelhofs aus. Allerdings wurde die einstige Bedarfsplanung deutlich verringert und auch die im H1 bereits im Bau befindlichen Wohnkomplexe zum Teil nicht in der ursprünglich beabsichtigten Höhe ausgeführt, so dass ca. 400 Wohnungen weniger entstanden.
Für die weiteren Bauabschnitte H2 bis H7, die bis Anfang der neunziger Jahre realisiert wurden, wurde der Wettbewerbsgewinner Alexander Freiherr von Branca aus München mit der weitergehenden Planung betraut. In den Bauabschnitten H2 bis H7 wandte man sich von der hochverdichteten Bebauung ab und bot eine Mischung aus Geschosswohnungsbau im Zentrum der Ringe umgeben von Einzel- und Doppelhäusern an.
Hiermit bezweckte man, die verstärkte Abwanderung ins Umland einzudämmen und den Menschen auch im Stadtgebiet die Möglichkeit für ein eigenes Häuschen im Grünen zu bieten.

Scheitern eines Ideals
Der Hochhausbereich des H1, der nach dem Leitbild der modernen Stadt konzipiert wurde, krankte in Realität sehr bald an seinen Idealen. Die Modeerscheinung, in einer Großwohnsiedlung mit ihren Gemeinschaftseinrichtungen zu leben, ebbte sehr schnell wieder ab. Gerade in einer eher traditionell und konservativ geprägten Region strebten die meisten Menschen nach mehr Individualität, überschaubareren Wohnanlagen und einem eigenen Haus mit Garten.
Durch den Wegzug der mittelständischen Klientel füllten sich die Wohnkomplexe bald mit sozial schwächer Gestellten.  Das soziale Gleichgewicht im H1 fing an zu kippen. Durch die Sozialwohnungen konnten die Wohnungsbaugesellschaften kaum Ertrag erwirtschaften, weshalb Reparatur- und Instandhaltungsarbeiten auf das Notwendigste reduziert wurden. Die einst hochmodernen Wohnungen alterten sehr schnell und boten keinen Anreiz mehr, in den H1 zu ziehen, außer man war aufgrund seiner sozialen Lage dazu veranlasst.

Durch die Zuwanderungswelle von Menschen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ab den neunziger Jahren verschärfte sich die Situation am Heuchelhof und insbesondere im H1 weiter. Die Wohnungen wurden mit Zuwanderern besetzt, und das soziale Gefälle zwischen dem H1 und dem umgebenden Einfamilienhausgürtel vergrößerte sich. Die Suche nach neuen Wurzeln in einer fremden Heimat, Arbeits- und Perspektivlosigkeit förderten Suchtpotenziale sowie gewaltbereites Handeln. Vandalismus förderte die Angst im Quartier und festigte das schlechte Image des Heuchelhofs.
Durch diese Voraussetzungen war der Stadtteil Heuchelhof H1 prädestiniert, in das 1999 neu aufgelegte Bund-Länder-Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt" aufgenommen werden.


 


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