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Würzburgs "junger" Beitrag zum DenkOrt Deportationen 1941-1944

Junge Menschen gestalten Würzburger Koffer für die deportierten Würzburger Juden

Wie kommen junge Menschen dazu, sich über die Gestaltung eines "Kunstwerkes", was an die deportierten Juden Würzburgs und Heidingsfeld erinnern soll, außerhalb Ihrer Schulzeit Gedanken zu machen und es letztlich sogar zu realisieren? Darüber soll im Folgenden berichtet werden.

Los ging es mit einem Wunsch vor ungefähr sechs Jahren: Würzburg soll ein großes Mahnmal bekommen, dass an die von 1941-1944 aus Unterfranken deportierten Juden erinnert. Das dieses Mahnmal nun seit Juni 2020 an prominenter Stelle am Hauptbahnhof steht, ist dem Engagement vieler Menschen zu verdanken. Vorangetrieben hat es der Verein DenkOrt Deportationen e.V., früher Verein Denkort Aumühle. Im Jahr 2019 standen dann alle Signale auf grün, um das Mahnmal zu realisieren. Damit auch Würzburg mit den beiden jüdischen Gemeinden (Würzburg und Heidingsfeld) auf dem Mahnmal vertreten wäre, suchte der Fachbereich Kultur nach jungen Menschen, die diese Gepäckstücke realisieren würden. Galt es doch anzuknüpfen an vorangegangene, gelungene Kooperationsprojekte zwischen Verwaltung, Schulen und Künstlern.

Um zu beginnen wurden Schulen angeschrieben, die entweder künstlerisch oder handwerklich prädestiniert für eine Zusammenarbeit waren. Zwei von drei Schulen konnten sich die Arbeit vorstellen. In gemeinsamen Gesprächen und Besuchen vor Ort wurden dann das Projektziel, der Kostenrahmen und der Zeithorizont erstellt. So konnte noch im Jahr 2019 mit den Planungen und der Herstellung der Koffer begonnen werden. Auch die politische Unterstützung für das Projekt war vorhanden und so hielt der städtische Haushalt extra eine Summe bereit, die für die Konzeption und Herstellung der Koffer eingeplant war.

Das Gepäckstück für Heidingsfeld, die bis 1930 eine eigene Stadt war und eine eigene jüdische Gemeinde hatte, und heute ein Würzburger Stadtteil ist, und entwarf und fertigte die städtische Berufsschule Josef-Greising an. Besonders Herr Mario Metz (Lehrkraft für Straßenbau) war für das Gelingen des Projektes an seiner Schule verantwortlich. Um in den engen zeitlichen Rahmen der Blockberufsschule etwas zu fertigen, entschied sich die Schule für einen Koffer aus dem Werkstoff Beton und "echte" Beschläge. Bei der Schalung und dem Guss durften die Berufsschüler selbst mit Hand anlegen.

Foto: Mario Metz

Nach der Erstellung eines Prototyps wurden die zwei identischen Koffer auf die erprobte Weise hergestellt. Der Clou an der Idee des Architekten Matthias Braun, der das Hauptmahnmal geplant hat, ist, dass es von jedem Gepäckstück zwei identische Exemplare gibt. Ein Gepäckstück, in Würzburg sind es beide Male Koffer geworden, verbleibt in der Gemeinde, aus der die Juden stammten und die anlässlich der Deportationen am Sammelpunkt Würzburg zusammenkommen mussten. Das zweite identische Gepäckstück ist Teil des alle Gepäckstücke vereinenden Mahnmals am Würzburger Hauptbahnhof.

Für das Heidingsfelder Gepäckstück wurde vom Stadtrat der Standort Dürrenberg ausgewählt. Dort befand sich die frühere jüdische Synagoge Heidingsfelds. Heute erinnern am Dürrenberg Gedenkstelen und ein Kunstwerk an die frühere Nutzung. Somit kommt der Heidingsfelder Koffer an den passenden Ort. Er wird voraussichtlich im Herbst 2020 in Heidingsfeld aufgestellt und feierlich eingeweiht.

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Würzburg hat aber noch ein weiteres Gepäckstück auf dem Mahnmal am Hauptbahnhof. Es steht für die deportierten Juden der jüdischen Gemeinde Würzburgs. Sein "Zwilling" wird seinen zukünftigen Platz in der Spiegelstraße haben. Auch hier ist die Aufstellung und Einweihung für Herbst 2020 geplant.

Der Ideenfindung und der Umsetzung des Würzburger Gepäckstücks nahmen sich SchülerInnnen des Matthias-Grünewald-Gymnasiums, gleichzeitig Stipendiaten der Roland-Berger-Stiftung und Internatsschüler, an. Schnell war ausgemacht, dass auch sie einen Koffer machen wollten. Um die sprudelnden Ideen aufzugreifen, hatten die SchülerInnen in Felix Röhr einen umtriebigen und engagierten Kunstlehrer, der vielzählige Gespräch und Telefonate mit dem Fachbereich Kultur der Stadt Würzburg führte und die kreativen und kontroversen Ideen immer wieder einfangen und auf Umsetzbarkeit prüfen musste. Es ist ein einzigartiges und sehr emotionales Gepäckstück geworden, was die Handschrift der SchülerInnen trägt.

KofferWü_fast fertig ohne Griff_credit Felix Röhr
KofferWü_fast fertig ohne Griff_credit Felix Röhr
KofferWü_Inneres beim Verkleben_credit Felix Röhr
KofferWü_Inneres beim Verkleben_credit Felix Röhr

Fotos: Felix Röhr

Bei den handwerklichen Arbeiten am Stein wurden die SchülerInnen vom Bildhauer und Steinmetz Thomas Reuter aus Winterhausen unterstützt. Er führte sie in die Handhabung der Werkzeuge ein, erklärte den Werkstoff und die Eigenart des Muschelkalks, aus dem der Koffer gefertigt wurde und machte die SchülerInnen fit, am Stein selbst Hand zu arbeiten. Die Bestückung des Glasbaukastens, als Herzstück des Koffers, nahmen ebenso die SchülerInnen vor.

"Was haben die Menschen damals dabei gehabt?", diese Frage beschäftigte so sehr, dass sie Teil der Umsetzungsidee wurde. Das bruchsichere Glaselement wurde von der Firma Glaskeil aus Würzburg professionell hergestellt und eingeklebt. Lediglich Corona brachte das Projekt im März 2020 zum Stocken, durften die Schüler ja nicht mehr in die Schule, nicht ins Internat und somit nicht mehr bei den letzten Handgriffen dabei sein.

Für die Projektkoordinatorin Franziska Fröhlich vom Fachbereich Kultur, gibt es noch Fragen, die in einem Reflexionsgespräch noch Beantwortung finden sollen. So wäre es interessant zu erfahren, welchen Bezug die SchülerInnen zu den aus Würzburg deportierten Juden nach dem Projekt haben? Was hat sie bewegt? Was für Fragen hatten sie? Wurden ihre Fragen beantwortet? Was hätten sie sich gewünscht? Wie frei durften sie denken? Seid sie stolz auf das jetzige Ergebnis? 

Die Antworten und das Resümee von den SchülerInnen stehen noch aus. Eines aber ist sicher: es wurde viel gesprochen, manches erkämpft, vieles hinterfragt und der das Projekt begleitende Lehrer Felix Röhr war Moderator, Motivator und Vermittler zwischen Wünschen der SchülerInnen und der städtischen Vorgaben seitens der Stadtplanung und der Politik.

Um die am Anfang aufgeworfene Frage: "Wie kommen junge Menschen dazu, sich über die Gestaltung eines "Kunstwerkes", was an die deportierten Juden Würzburgs und Heidingsfeld erinnern soll, außerhalb Ihrer Schulzeit Gedanken zu machen und es letztlich sogar zu realisieren?" ansatzweise zu beantworten: Sie müssen "Feuer fangen" und die richtigen Partner, Gestaltungsspielräume und Geld für die Umsetzung bekommen. Aber selbst das reicht noch nicht. Deshalb seien der Vollständigkeit halber die ganzen Gelingensbedingungen aufgezählt. Es braucht zunächst die Unterstützung der Projektidee durch die Schulleitung, das Überspringen des Funkens der Ideengeber und Projektverantwortlichen auf die Lehrkraft (und dann deren Zeit und Hingabe), die Weitergabe des "Brennens" an die Schüler, viel Diskussionsraum und -zeit, Raum für Kreativität, das Gefühl etwas mit dem Tun bewirken zu können und nicht zu letzt die Bereitschaft der jungen Menschen, sich auf das "schwere" Thema, diesmal die Judenvernichtung im 3. Reich, einzulassen. So wird es möglich, dass junge Menschen ihre eigenen emotionalen Zugänge zu diesem Kapitel deutscher Geschichte finden und ihre eigenen Schlüsse für ihre Wünsche ziehen. Dann kommt man über die Erinnerungskultur vom damals zum heute, nämlich zur Frage "Wie wollen wir heute leben?" oder zur Aussage: "Ah, so viel Wert ist unsere demokratische Gesellschaft."

In diesem Sinne sind die Projektbeteiligten sehr zufrieden. Wieder etwas bewegt und umgesetzt, was den SchülerInnen niemand mehr nehmen kann. So geht Ineinandergreifen von kultureller Bildung und Erinnerungskultur. So geht Kooperation zwischen Verwaltung, Schule und Kunst.

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Hier können Sie auf die externe Webseite des DenkOrtes Deportationen gelangen: http://www.denkort-deportationen.deexterner Link