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Baubeginn für den DenkOrt Deportationen: Wenn vom Leben nur noch ein Koffer bleibt

Bei einem Pressetermin stellten gestern Oberbürgermeister Christian Schuchardt, Kulturreferent Achim Könneke, Gartenamtsleiter Dr. Helge Bert Grob, Stadträtin Benita Stolz und Architekt Matthias Braun den Standort und die Planungen für den „DenkOrt Deportationen 1941 bis 1945“ am östlichen Bahnhofsvorplatz vor.

Denkort Deportationen-2
Denkort Deportationen-2
Der DenkOrt Deportationen nimmt Formen an. Bei der Vorstellung der Planungen waren v.li: Harald Ebert (Verein DenkOrt Aumühle), Dr. David Hanauer (Enkel von aus Würzburg Deportierten), Gartenamtsleiter Dr. Helge Grob, Dr. Rotraud Ries (Johanna-Stahl-Zentrum), Oberbürgermeister Christian Schuchardt, Stadträtin Benita Stolz, Kulturreferent Achim Könneke, Architekt Matthias Braun. Auf dem Foto ist bereits ein fertiggestelltes Gepäckstück zu sehen, das Schüler aus Veitshöchheim fertigten.
„Hier ist der richtige Ort“, betonte Oberbürgermeister Christian Schuchardt. Im Herzen der Stadt und an einem Platz, der von zahlreichen Menschen, viele mit Koffern und Reisegepäck an der Hand, frequentiert wird, wird er nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern Emotionen wecken. Dr. Josef Schuster, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Würzburgs, wertet den entstehenden Gedenkort, der netzförmig vom zentralen Ausgangspunkt Würzburg aus Unterfranken überspannt, als „in der Bundesrepublik einmalig.“ Dies konnten die Zuhörer einem Grußwort Schusters entnehmen, verlesen von Dr. Rotraud Ries vom Johanna-Stahl-Zentrum. Unabhängig vom authentischen Ort der Aumühle, biete dieser Platz die Möglichkeit, viel mehr Menschen an die Geschehnisse zu erinnern. Schuster: „Damit wird das historische Gedächtnis der Stadt Würzburg um einen weiteren wichtigen Mosaikstein erweitert.“

In sieben Deportationen wurden von November 1941 bis Juni 1943 2.063 Juden aus Mainfranken in den Osten verschleppt, darunter auch vom Würzburger Hauptbahnhof aus. Von der Schrannenhalle (heutiger Standort wäre zwischen Spiegelstraße und Kardinal-Faulhaber-Platz) oder vom Platz’schen Garten aus wurden die Menschen wie Vieh zusammengetrieben und mussten sich einem demütigenden Marsch aussetzen hin zum Güterbahnhof in der Aumühle, nicht wissend, dass die allermeisten von ihnen ihren letzten Weg angetreten hatten. Ein zweiter Deportationszug führte über die Max-, Textor- und Bahnhofstraße zum Hauptbahnhof. Der Weg endete in Zwangsarbeit im Außenlager Jungfernhof bei Riga, im Vernichtungslager in der Region Lublin, im KZ Theresienstadt und in Auschwitz, für fast alle mit dem Tod. Nur 60 der unterfränkischen Juden überlebten den Holocaust, schrecklichstes und menschenverachtendes Kapitel in Deutschlands Geschichte.

Etwa 80 Jahre danach leben kaum noch Zeitzeugen. Dabei „ist es nicht so lange her, dass gute Patrioten, die im Ersten Weltkrieg als Held ausgezeichnet worden waren, deportiert wurden und in Riga elend starben“, mahnt Dr. David Hanauer, Enkel der im November 1941 aus Würzburg deportierten Alfred und Hella Hanauer. David Hanauer, der sich auf den Spuren seiner Großeltern ausgerechnet Würzburg für ein Sabbatical-Semester ausgesucht hat, war sichtlich berührt, als er sich bei Baubeginn des „DenkOrts Deportationen“ am Würzburger Hauptbahnhof, bei allen bedankte, die mit diesem Denkmal die Erinnerung an seine Vorfahren und das Schicksal der vernichteten Juden aufrechthalten.

Deportationen starteten und endeten an mehreren Stellen

Der Weg vom Platz’schen Garten zur Aumühle ist seit 2011 als „Weg der Erinnerung“ kenntlich gemacht. Schlusspunkt des Weges der Erinnerung sollte ursprünglich ein Denkmal am ehemaligen Güterbahnhof an der Aumühle sein. Hier hatten die Menschen zu den Zügen auf den Gleisen laufen müssen, ihr Gepäck blieb zurück. Aus bautechnischen Gründen (unter dem Aufgang fließt die Pleichach in einem maroden Tunnel) ließen sich die Pläne an diesem Standort nicht umsetzen. Einer der Deportationszüge startete vom Würzburger Hauptbahnhof. Hier, im Bereich des östlichen Bahnhofsvorplatzes, wird nun der „DenkOrt Deportationen 1941-1945 – Wir erinnern an die jüdischen Opfer Unterfrankens“ entstehen. Intensiv an der Planung für das Denkmal beteiligt sind der Verein „DenkOrt Aumühle e.V.“ und eine Vorbereitungsgruppe um Dr. Josef Schuster als Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde und Oberbürgermeister Christian Schuchardt. Das Johanna-Stahl-Zentrum sorgt für die historischen Hintergrundinformationen und biografische Angaben zu den Deportierten. Intensiv begleitet werden die Planungen vom Kulturreferenten Achim Könneke, dem Kulturamt und insbesondere dem Gartenamt der Stadt Würzburg, das unter der Leitung von Dr. Helge Grob als Ergebnis eines umfassenden Dialogprozesses aller Beteiligten ein Gesamtkonzept für die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes mit Erweiterung des Ringparkes und überzeugender Integration des DenkOrtes erstellte.

Würdig und emotional: Koffer, Rucksäcke und Gepäckrollen

Architekt Matthias Braun spricht von einem „intensiven Projekt“. Intensiv dürfte der DenkOrt nach seiner Fertigstellung die Betrachter zur Auseinandersetzung mit den Deportationen anregen. Die Grundidee für das 25 auf 8,50 m große Denkmal basiert auf einer Fotografie: Hauptmotiv sind die Gepäckstücke, die die Menschen links und rechts auf ihrem Weg zu den Zügen zurücklassen. Auf dem historischen Basaltpflaster der Aumühle werden 14 Podeste verschiedener Größe ein Kofferband in 22 Metern Länge tragen, die Gepäckstücke sind den damaligen echten Koffern, Rucksäcken und Rollen nicht nur nachempfunden. Sie mögen an manchen Stellen abgenutzt, gerissen und einfach gebraucht sein und sind allein schon aufgrund dieser Darstellung emotional besetzt. Sie könnten jedem gehören. Vier Informationsstelen und drei Sitzbänke werden dazu auffordern, uns hier nicht nur zu erinnern und zu gedenken, sondern auch zu hinterfragen und zu spüren. Sternförmig wird der DenkOrt die Geschehnisse wieder in die Wohnorte der Menschen zurückspiegeln, die aus ganz Unterfranken nach Würzburg zusammengetrieben wurden. Für den DenkOrt Deportationen werden die Gepäckstücke, ob nun Koffer, Rucksack oder Deckenbündel, stets im Doppel hergestellt. Das jeweils zweite, identische Gepäckstück wird in den ehemaligen Wohnorten der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aufgestellt werden. „Es ist ein besonderes Projekt mit enormer Zustimmung aus den Gemeinden“, so Stadträtin Benita Stolz für den Verein DenkOrt Aumühle.

Da Heidingsfeld vor 1945 noch eine eigenständige Gemeinde war, gibt es in Würzburg künftig zwei Punkte, die den Ausgangspunkt des vom NS-Regime organisierten Massenmords markieren. Im Kultur- und Schulausschuss begründete Referent Achim Könneke, warum man sich nach Einbindung der Israelitischen Kultusgemeinde und historischer Expertise für Gepäckstück-Standorte in der Spiegelstraße und am Dürrenberg in Heidingsfeld entschieden hat. In der Spiegelstraße befindet sich schon heute eine Gedenkplakette am ehemaligen Sammelpunkt, der 1945 zerstörten Schrannenhalle. In Heidingsfeld hat man sich für den Ort der ehemaligen Synagoge entschieden. Es ist nun geplant Schulklassen in dieses außergewöhnliche Projekt der Erinnerungskultur einzubinden. Sie können womöglich sogar nach den Vorgaben des Künstlers die Gepäckstück-Skulpturen erstellen, die nicht unbedingt am Hauptbahnhof und in den früheren jüdischen Gemeinden die gleiche Maßstäblichkeit haben müssen. Entscheidend sei eine gute Einbettung vor Ort, die Gepäckstücke sollen nicht wie Kunstwerke in Szene gesetzt werden, sondern den Anschein erwecken, an dieser Stelle vergessen worden zu sein. Bereits in diesem Winter werden die Schulklassen die Skulpturen herstellen.

Gleichzeitige Vergrößerung des Ringparks zum ersten Mal in der Nachkriegszeit

Die Stadt Würzburg nutzt die Anlage des DenkOrts für eine gleichzeitige Aufwertung und Vergrößerung des angrenzenden Ringparks im Bereich der Bahnhofsquellen. Hinter den Pavillons hatten sich unschöne Trampelpfade und immer wieder achtlos weggeworfene Abfälle etabliert, „einem Denkort wenig würdig“, so Gartenamtsleiter Dr. Helge Grob. Im Rahmen der Arbeiten zum Denkmal erfährt der Ringpark eine Vergrößerung um geschätzt 400 Quadratmeter und eine beachtliche Aufwertung. „Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit wird dem Ringpark Fläche zurückgegeben“, so Grob weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg war vor allem der nördliche Ringpark aufgrund von Straßenverbreiterungen sowie der Anlage des Busbahnhofs und des Berliner Platzes erheblich beschnitten worden. Auf der wiedergewonnenen Fläche ist eine Wiesenansaat vorgesehen, die begradigte Böschung zum Bahnhofsvorplatz wird mit niedrigen Blütengehölzen üppig bepflanzt. Im kommenden Jahr wird dann noch ein beleuchteter Weg gebaut, um den Bereich der Bahnhofsquellen für den Parkbesucher zu erschließen.

Denkort Deportationen-3
Denkort Deportationen-3
Oberbürgermeister Christian Schuchardt (li.) erklärt gemeinsam mit Architekt Matthias Braun (re.) die Gestaltung des Denkmals. In der Mitte Dr. David Hanauer, Enkel des Ehepaares Alfred und Hella Hanauer, die 1941 aus Würzburg deportiert wurden und in Riga ums Leben kamen.

Denkort Deportationen-1
Denkort Deportationen-1 Claudia Lother
Architekt Matthias Braun zeigt das Foto, auf dem die Gestaltung des Denkmals basiert.

(23.10.2019) 


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