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Warten auf Godot

von Samuel Beckett

„Und wenn er nicht kommt?“

Da stehen oder sitzen sie, die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir und warten auf einen gewissen Godot, von dem sie nicht wissen, wer er ist oder wann er kommt. Sie wissen letztendlich nicht einmal, ob es ihn gibt. Auf clowneske Art vertreibt man sich die Zeit. Und: Es passiert nichts. Nichts von Belang. Man wartet und langweilt sich. Man tauscht Banalitäten aus. Und Weisheiten. Man nervt sich. Man könnte sich umbringen, dann würde endlich einmal etwas passieren. Man verzichtet darauf. Godot kommt nicht. Man wartet. Vielleicht morgen ... Absurd!

Immerhin bringen die Begegnungen mit dem merkwürdigen Pozzo, der seinen Sklaven Lucky tyrannisiert, ein wenig Abwechslung: Auch diese beiden scheinen untrennbar miteinander verbunden, verankert in einem Gefüge von Macht und Abhängigkeit, das sie in grotesker Komik zur Schau stellen.

Die Frage, wer oder was Godot ist, ist so naheliegend wie überflüssig, da es die eine richtige Antwort nicht geben kann. Es gibt unzählige Deutungsversuche. Ist man gläubig, ist es Gott; ist man Kommunist, ist es die klassenlose Gesellschaft; ist man verliebt, ist es die Anerkennung der anderen Person. Die Interpretationen sagen stets mehr über den Interpretierenden selbst aus, als über das Drama. Die Antwort des Autors ist unergründlich wie sein Stück: „Wenn ich es wüsste, würde ich es sagen.“

Beckett schrieb „Warten auf Godot“ kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs; möglich ist auch, dass er darin eine konkrete historische Situation zweier Juden, die 1943 auf einen Schleuser warten, skizzierte oder eigene Fluchterfahrungen vor den Nazis verarbeitete, die er aufgrund seiner Aktivitäten in der Résistance machen musste. Die Uraufführung 1953 jedenfalls machte den irischen Autor beinahe über Nacht weltberühmt und zu einem der wichtigsten Vertreter des absurden Theaters.

Rubrik: Bühne
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