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Gedenken gegen Diskriminierung und Ausgrenzung

Ein offener Platz, ein steinerner Davidsstern - es ist nicht viel, was in der Domerschulstraße auf die frühere Hauptsynagoge hinweist.

Am 9. November 1938 wurde sie von SS- und SA-Männern überfallen, Fenster und Inneneinrichtung wie auch Leuchter und Ritualien zerstört. Zu dieser Zeit waren Juden in Deutschland bereits ausgegrenzt und verfolgt. „Dieses Pogrom war der letzte Test, es führte direkt in die Shoah“, erinnerte Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, bei der Gedenkstunde am Ort der ehemaligen Synagoge, an die Geschehnisse. Gleichzeitig verurteilte er den wieder steigenden Antisemitismus und die steigende Zahl der Angriffe auf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in Deutschland.

Die aktuellen Angriffe seien dabei nicht zusammenhangslos. Der Krieg in der Ukraine stelle die Gesellschaft auf eine harte Probe, Inflation und steigende Energiepreise würden die fordern, die ohnehin schon Monat für Monat zu kämpfen haben. Außerdem seien die Folgen der Corona-Pandemie auf unser Zusammenleben schwer abzusehen. „Unsicherheit war schon immer ein Nährboden für radikales Denken und vereinfachende Ideologien und einen Hass, der sich gegen das wendet, was als anders wahrgenommen wird“, so Schuster. 

Die Gesellschaft dürfe bei Diskriminierung nicht wegschauen, so Schuster. Dabei sei es gleichgültig, woher die Menschen kommen – ob aus der Ukraine, dem Bürgerkriegsland Syrien, aus Afghanistan oder dem Iran: „Ein Mensch ist ein Mensch!“

Schuster dankte den Anwesenden, die durch ihre Anwesenheit an der Gedenkfeier gegenüber den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die die Last und Trauer der Shoa tragen, Empathie gezeigt und Respekt erwiesen haben.

„Die Judenverfolgung im so genannten Dritten Reich zeigt exemplarisch, wie kurz der Weg vom menschenverachtenden Wort zur mörderischen Tat ist“, unterstrich Oberbürgermeister Christian Schuchardt. Und alles außer der Ermordung in den osteuropäischen Vernichtungslagern habe sich offen vor den Augen aller abgespielt: „Die meisten haben weg- oder schweigend und tatenlos zugesehen.“ 

Deshalb sei das Ausmaß des steigenden Antisemitismus in Deutschland alarmierend. Durch Corona habe der Antisemitismus zusätzlichen Auftrieb bekommen. Verschwörungstheorien stellen völlig abwegige Vergleiche zwischen den staatlichen Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung und der NS-Rassenpolitik an.

„Eine solche Verharmlosung der Judenverfolgung, eine solche Verhöhnung der Opfer der Shoa ist absolut unerträglich“, sagt Schuchardt. „Ich finde es beunruhigend, dass heute teilweise wieder dieselben Mechanismen wirksam sind, die bereits in der Weimarer Republik unheilvoll gewirkt haben: eine als krisenhaft erlebte Umbruchsituation, eine durch gezielte Angstmache verstärkte tiefe Verunsicherung, eine verbreitete Furcht insbesondere der Mittelschicht vor wirtschaftlichem und sozialem Abstieg, eine auf neuen medialen Wegen massenhaft verbreitete Hasspropaganda, die infolgedessen auf fruchtbaren Boden fällt, und eine Suche nach Sündenböcken, die schnell in Gewalt gegen Minderheiten eskalieren kann.“

Hier müsse der Staat konsequent gegen antisemitische Hassrede vorgehen sowie jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger schützen. Gleichzeitig brauche es einen gesellschaftlichen Klimawandel. Denn niemand dürfe schweigend und tatenlos zusehen, wenn Angehörige von Minderheiten diskriminiert und ausgegrenzt, beleidigt, bedroht und angegriffen werden. „Lassen Sie uns gemeinsam dazu beitragen, dass in unserem Land und in unserer Stadt nie wieder Menschen wegen ihrer Abstammung, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Weltanschauung wegen um ihre Sicherheit oder gar ihr Leben fürchten müssen“, appellierte Schuchardt an die Stadtgesellschaft. 

Eine Möglichkeit, dem steigenden Antisemitismus entgegen zu wirken, sieht Regierungspräsident Dr. Eugen Ehmann in schulischer Projektarbeit. Äußerer Anknüpfungspunkt könne dabei das reichhaltige jüdische kulturelle Erbe sein. So könnten Schülerinnen und Schüler erarbeiten, wie jüdisches Leben ausgesehen hat und heute aussieht. So haben alle Schulämter in Unterfranken bereits zugesagt, geeignete Aktivitäten zu entwickeln. 

Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung beteten Rabbi Jakov Ebert und Rabbi Shlomo Avrasin das Kaddisch. 

Pogrom - Christian Weiss-09. November 2022-1a
Pogrom - Christian Weiss-09. November 2022-1a
Christian Schuchardt bei der Gedenkveranstaltung am Platz der ehemaligen Synagoge. Foto: Christian Weiß
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