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Städtische Mitarbeiterinnen und Hilfsorganisationen betreuen Geflüchtete in dezentralen Unterkünften

Natali Soldo-Bilacs Handy klingelt ständig und wenn es einmal nicht klingelt, summt es ständig vor Nachrichten, die sie nebenbei beantwortet. Gefühlt jede Nachricht ist dringend, Notfälle können auch dabei sein. Während zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Stadtverwaltung zumeist im Hintergrund mit der Organisation der Versorgung der Ukrainerinnen und Ukrainer beschäftigt sind, stehen Natali Soldo-Bilac, Zeynep Sen und die Mitglieder der Hilfsorganisationen direkt vor Ort den Menschen bei.

Dezentrale Unterkünfte-1
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Natali Soldo-Bilac und Zeynep Sen (v.li.) im neuen Büro im gleichen Gebäude, in dem nun 35 Geflüchtete aus der Ukraine wohnen. Foto (c): Claudia Lother
Dezentrale Unterkünfte-2
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Kurzbesprechung: Wie gehen wir mit dem Wasserschaden um, wer kann schnell helfen? V.li: Olga Saporoshzew, Natali Soldo-Bilac, Zeynep Sen. Foto (c): Claudia Lother
Gut 300 Personen alleine aus der Ukraine haben sie derzeit zu betreuen. Soldo-Bilac, städtische Betreuerin von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern in den dezentralen Unterkünften, hat die Verantwortung für alle, Hunderte von Menschen in elf Würzburger dezentralen Unterkünften - und sie kennt wirklich jede Person mit ihrem Namen.

Ihr Tag beginnt an diesem Dienstag, nachdem sie im Reuterhaus bereits nach dem Rechten gesehen hat, mit einer Besprechung im Elisabethenheim. Soldo-Bilac trifft sich mit den Mitarbeitern von Johannitern und Maltesern, die die Menschen in den Notunterkünften begleiten. Etwa 18 „Kümmerer“ sitzen am Tisch. Bei der Besprechung geht es um Fragen, was es alles zur Übertragung der ukrainischen Fahrerlaubnis braucht, was Ersatzleistungen des Jobcenters sind, wo eine bestimmte Person gemeldet ist, wie der Einsatz von Übersetzern besser geregelt werden kann, wie diejenigen, die schon Vollzeit arbeiten, Miete zahlen, ob mit einer Krankenkassenbescheinigung der Arztbesuch möglich ist und wer etwa 30 Personen, zwei Hunde und zwei Katzen aus der Dürrbachtalhalle in eine neue dezentrale Unterkunft umziehen kann.

Soldo-Bilac sieht ihr Büro im Reuterhaus derzeit eher weniger. In ihrer täglichen Arbeit steht das Praktische im Vordergrund und der Kontakt zu den Menschen. Während der arbeitsintensivsten Tage im Frühjahr teilten sich Soldo-Bilac und Sen auf: Soldo-Bilac als Organisatorin am Telefon, Sen, die eigentlich städtische Bildungskoordinatorin für Zugewanderte ist, mit dem E-Bike flugs von Station zu Station unterwegs.

Vor Ort prasseln die Fragen und Wünsche auf die beiden ein, es geht zu wie in einem Bienenstock: Mädchen für alles wäre die richtige Bezeichnung für die beiden. Sie erfahren die Sorgen und Nöte der Menschen und müssen alle Fragen beantworten können. „Natali ist das reinste Google Asyl“, lacht Zeynep Sen. Es geht darum, die dezentralen Unterkünfte überhaupt erst einmal einzurichten und festzustellen, was gebraucht wird. Es geht darum, für die Geflüchteten gespendete Fahrräder an den Mann, die Frau und das Kind zu bringen. Es geht darum, immer den direkten Draht zu den Menschen zu haben, die fernab der Heimat nun in Wohnungen, WGs oder ehemaligen Jugendstätten unterkommen. Es geht darum, bei allem zu helfen, von der Registrierung bis zur Einkaufsfahrt. Es geht darum, immer ein offenes Ohr zu haben und sich der Sorgen und Nöte der Menschen anzunehmen. Es kann sogar darum gehen, Menschen mit traumatischen Erfahrungen an Sozialpädagogen zu verweisen, damit sie Hilfe erhalten. Bisweilen lösen sie auch für Heimkehrer nach Kiew ein Bahnticket am Würzburger Hauptbahnhof.

Dann geht es an diesem Tag weiter in die eine neu bezogene dezentrale Unterkunft in der Innenstadt. Hier haben 35 Personen eine Unterkunft gefunden, ganz oben wurde ein Büro eingerichtet, um nah bei den Menschen zu sein. Hier arbeitet Olga Saporoshzew als Kümmerin von den Maltesern. Zudem werden demnächst zwei neue Sozialpädagoginnen dort ihren Arbeitsplatz haben. Nach ein paar Telefonaten mit Handwerkern von hier aus geht es für Natali Soldo-Bilac weiter in einen anderen Stadtteil. In zwei Häusern, in denen die katholische Kirche bislang Familien, Kinder, Mütter und Kinder während Wochenendkursen untergebracht hatte, werden bald mehrere Familien, zwei Einzelpersonen, zwei große Hunde und zwei Katzen aus der Ukraine einziehen. „Ein Haus eignet sich hervorragend und Hunde finden ihren Auslauf“, freut sich Natali Soldo-Bilac über diese Wohngelegenheit. Heute nimmt sie hier ein paar Bilder auf, nachdem sie sich vergewissert hat, dass in der nächsten Woche tatsächlich dort Menschen einziehen können: Die Küche steht, der Gemeinschaftsraum wird noch hergerichtet, Bad ok. Vögel zwitschern über ihr, als sie das Haus verlässt - und das Telefon schon wieder klingelt.

Zeynep Sen und Natali Soldo-Bilac kümmern sich auch um gehbehinderte Menschen in Rollstühlen, um Krebs- und Schlaganfallpatienten, bringen sie in den passenden Unterkünften unter. Selbst das Ankerzentrum Geldersheim ruft die beiden an, damit sie kranke, behinderte Menschen oder Dauerpatienten irgendwo in der Nähe der Universitätsklinik unterbringen. Aber sie sorgen auch für Zerstreuung, vermitteln Stadtführungen in russischer Sprache mit Shalom Europa, verteilen Spenden wie Sportgeräte vom Siebold-Gymnasium und beide sind sehr dankbar für jede Unterstützung wie die Drogerie-Gutscheine, die die Frauenländler für die Geflüchteten gesammelt haben. In einem Netzwerk arbeiten sie vor Ort mit Ehrenamtlichen und Stadträtinnen, Maltesern, Johannitern, Organisationen, Vereinen. Zeynep Sen und Natali Soldo-Bilac brennen für ihre Aufgabe. Der Sinn, den sie damit verbinden, hält sie am Laufen, Tag für Tag. Und sie stützen sich gegenseitig, wenn sie selbst ans Limit kommen; zum Beispiel wenn eine Mutter weinend vor ihnen steht, weil sie die Nachricht erhalten hat, dass sie ihren Sohn im Krieg in der Ukraine verloren hat.

(21.06.2022)

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